Neuer ESA-Chef Aschbacher: “Wir haben keinen Jeff Bezos und keinen Elon Musk” – Digitalmunition




Featured Josef_Aschbacher-a037ae0b02324417.jpeg

Published on March 10th, 2021 📆 | 6091 Views ⚑

0

Neuer ESA-Chef Aschbacher: “Wir haben keinen Jeff Bezos und keinen Elon Musk”

Seit Anfang März ist Josef Aschbacher Europas neuer Weltraumchef. Der Österreicher ist in der ESA kein Unbekannter – er war dort zuvor Direktor für Erdbeobachtung und somit für das Programm Copernicus zuständig. Nun erwarten Aschbacher neue Herausforderungen.

Der 58-Jährige hat den Deutschen Jan Wörner als Generaldirektor der Weltraumorganisation ESA abgelöst. Für ihn ist klar: “Wir können es uns als Europa nicht leisten, keinen autonomen Zugang zum Weltraum zu haben.” Doch wenn man Begeisterung für die Raumfahrt erzeugen wolle, brauche man auch spektakuläre Projekte. Was hat Aschbacher sich vorgenommen?

Herr Aschbacher, wie war denn Ihr Start als neuer ESA-Direktor und was liegt jetzt auf Ihrem Schreibtisch?

Die erste Woche war natürlich sehr spannend, sehr aufregend. Ziel ist es nun, das Bewusstsein dafür zu wecken, warum der Weltraum für Europa wichtig ist. Europa hat ja eine ähnliche Wirtschaftskraft und politische Bedeutung wie die USA oder China. Allerdings wird für den Weltraum sehr viel weniger ausgegeben als dort. Die Frage ist natürlich, warum. Wir wollen 2022 einen Weltraumgipfel, einen “Space Summit”, mit den Staats- und Regierungschefs organisieren, um zu sehen, was Europa erreichen will. US-amerikanische Unternehmen wie SpaceX oder der Mars-Rover Perseverance sorgen immer wieder für Schlagzeilen. In Europa gibt es derzeit keine solchen Schlagzeilen. Wenn Europa keinen Ruck nach vorne macht, werden wir zurückfallen.

Ihr Vorgänger Jan Wörner hat das “Moon Village”, eine bemannte Basis auf dem Mond, zu seiner Vision gemacht. Was ist Ihre Vision?

Ich habe kein Äquivalent zum “Moon Village”. Das ist auch ganz bewusst so, weil ich glaube, dass die Diskussion viel weiter gehen muss und nicht nur eine Aktivität, wie zum Beispiel den Mond, beinhalten sollte. Die Vision ist, wenn man so will, Europa eine Stufe höher zu bringen – näher an die (US-Raumfahrtbehörde) NASA heranzubringen. Es gibt da natürlich viele Projekte und Fragen, zum Beispiel: Wollen wir eine Frau auf dem Mars haben in der nächsten Dekade? Haben wir den Mut und die Unterstützung, um das zu erreichen?

Sie suchen aktuell neue Astronautinnen und Astronauten und haben ausdrücklich Frauen aufgerufen, sich zu bewerben. Eine Quote möchten Sie nicht. Wie wollen Sie mehr Frauen ins All bringen?

Wir werden das sehr stark bewerben, aber es gibt keine Quote. Das wollen wir ganz prinzipiell nicht. Das Nummer-Eins-Kriterium ist immer Qualität. Allerdings wollen wir sicherstellen, dass wir in den Pool der Bewerber sehr viele Frauen bekommen. Im Auswahlverfahren 2008/2009 hatten wir mehr als 8000 Bewerber, davon war ein Sechstel Frauen. Und auch in der Endauswahl haben wir heute in unserem Astronautenkorps von sieben Astronauten eine Frau. Das heißt, die Anzahl der Bewerber hat sich auch in der Auswahl der Kandidaten widergespiegelt. Deshalb hoffen wir, dass wir bei mehr weiblichen Bewerbungen auch mehr Astronautinnen bekommen.

Wie kann Europa besser mit der Konkurrenz aus den USA wie zum Beispiel SpaceX mithalten? Wollen Sie verstärkt auf private Unternehmen setzen – etwa auch beim Bau von Raketen?

Wettbewerb ist natürlich ganz wichtig. Wettbewerb erzeugt nicht nur bessere Ideen, sondern auch günstigere Preise und dadurch reduzierte Kosten. Es ist sicher mein Bestreben, den Wettbewerb zu befeuern. Wir haben keinen Jeff Bezos und keinen Elon Musk in Europa. Heute sind für kleinere Aufträge unsere Entscheidungen einfach zu langsam. Talente und Ideen gibt es in Europa aber mehr als genug. Das Problem ist eher, dass die Leute dann weggehen, weil sie ihre Projekte hier nicht wirklich verwirklichen können. Ein wichtiger Punkt ist natürlich auch die Risikobereitschaft, das zeichnet das Silicon Valley aus.

Steht sich die ESA da manchmal auch selbst im Weg?

In der ESA ist die Bereitschaft zum Risiko sicherlich nicht so ausgeprägt. Aber das wird eine meiner Aufgaben sein, diese Bereitschaft zu erzeugen. Das habe ich bereits in der Erdbeobachtung gemacht – es wird aber dauern und hitzige Diskussionen geben. Und darauf freue ich mich auch. Aber es ist meiner Meinung nach notwendig, um relevant zu bleiben – auch als öffentliche Agentur gerade in einem so schnell wachsenden und sich ändernden Feld wie dem Weltraum. Wenn wir uns da nicht so positionieren, dass wir da mithalten können, dann werden wir irrelevant. Und das will ich auf jeden Fall verhindern.

Wo hilft der Weltraum den Menschen? Wo ist der praktische Nutzen der Raumfahrt?

Die Wettervorhersage ist das beste Beispiel. Sie könnten keine so gute Wettervorhersage bekommen, wenn Sie keine Satelliten hätten. Rund 80 Prozent der Daten für die tägliche Wettervorhersage kommen aus Satellitendaten. Aber denken wir auch an Navigation. Sie fahren normalerweise wahrscheinlich mit irgendeinem Transportmittel zur Arbeit – das gesamte Transportwesen hängt von Navigationsinformationen ab. Und dann Telekommunikationsinformation: Sie machen Banküberweisungen von hier nach dort – sehr oft werden Satelliten verwendet, um diese Überweisungen zu machen. Der Weltraum ist Teil des täglichen Lebens, aber man sieht es in den meisten Fällen nicht.

Bei Problemen mit der Wiedergabe des Videos aktivieren Sie bitte JavaScript

Der Start der neuen europäischen Trägerrakete Ariane 6 ist bereits mehrfach verschoben worden. Das neue Startdatum ist Mitte 2022. Können Sie diesen Termin fest zusagen?

Ich habe bis heute keinen Grund, das Gegenteil anzunehmen. Allerdings habe ich gleich am ersten Tag meines Amtsantritts intern darum gebeten, mir diesen Starttermin zu verifizieren. Die Arbeit wird nun einen Monat dauern, dann werde ich bessere Gewissheit haben. Aber derzeit ist das die Annahme.


(mho)

Zur Startseite

Source link

Tagged with:



Leave a Reply